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Metrum im Haiku?

1624 veröffentlichte Martin Opitz sein Buch von der deutschen Poeterey, in dem er forderte, dass Gedichte in deutscher Sprache einen regelmäßigen Wechsel von Hebungen und Senkungen entsprechend der natürlichen Betonung der Wörter enthalten sollten. Und seitdem wird es so gemacht. Selbst Dichter der heutzutage vorherrschenden freien Verse sind sich der Nutzung oder Nichtnutzung des regelmäßigen Metrums bewusst – wenn sie das Dichten ernst nehmen. Doch wie sieht es beim Haiku aus?
Lange Zeit war die Silbenzählerei vorherrschend, so dass sich niemand ums Metrum kümmern musste. Jetzt werden keine Silben mehr gezählt, doch das Metrum ist weiterhin außen vor. Das ist schade, weil es Chancen für bessere, klangvollere Haiku bieten. Damit will ich jedoch keine neue Formdebatte eröffnen. Die Beachtung des Metrums ist in vielen Haiku nicht erforderlich. Es ist eine Option, eine Frage des Nutzens: Wird der Inhalt durch metrische Elemente gefördert?
Im Folgenden zeige ich ein paar Beispiele aus der eigenen Praxis. Manche stammen aus einer Zeit, in der ich nur zufällig das Metrum im Haiku verwandte, bei einigen habe ich jedoch sehr bewusst metrisch gearbeitet. Fachbegriffe wie Jambus und Co. lasse ich außen vor. Das Metrum baut sich aus Hebungen und Senkungen der Silben auf. Zwischen den Hebungen können eine oder zwei Senkungen stehen. Die verschiedenen Bezeichnungen der Hebungsschemata sind fürs Schreiben nicht wichtig und wecken wahrscheinlich nur ungute Erinnerungen.
das Blütenblatt der Rose
flattert durch die Luft
und liegt
Man könnte bei diesem Haiku durch einen Gedankenstrich nach der zweiten Zeile die Pause verlängern, um den Effekt der dritten Kurzzeile zu steigern. Doch einen größeren Effekt bringt diese Variante:
das Blütenblatt der Rose
es flattert durch die Luft
und liegt
Der Unterschied zwischen beiden Texten beträgt nur eine einzige Silbe. Durch das unscheinbare „es“ haben nun jedoch die beiden Langzeilen den gleichen Senkungs-Hebungs-Takt (x=Senkung; X=Hebung):
xXxXxXx
xXxXxX
xX
Die eine Senkung am Schluss spielt für die Gleichartigkeit keine Rolle. Entscheidend ist der dreifache Wechsel von der Senkung zur Hebung. Dadurch entsteht Wiederholung, dadurch entsteht Rhythmus und Rhythmus ist Leben, wogegen dann der abrupte Schluss kontrastiert. Jetzt spielen Form und Inhalt zusammen.
Der kleine Unterschied am Schluss der ersten beiden Zeilen ist auch deshalb nebensächlich, weil die zusätzliche gesenkte Silbe der ersten Zeile durch eine Tendenz zur längeren Lesepause bei der zweiten Zeile ausgeglichen wird. Senkungen am Zeilenende unterstützen den Sprung in die nächste Zeile, Hebungen am Ende haben die eingebaute Tendenz den Lesefluss ins Stocken zu bringen:
in einem Wolkenloch
der Abendstern
verlöscht
xXxXxX
xXxX
xX
Normalerweise sind durchgehende Satzbauten bei einem Haiku keine gute Idee: Es fehlt die Zäsur. Im Blütenblatt-Beispiel hätte man auch ohne Beachtung des Metrums auf die gleiche Lösung kommen können, einfach um den Satzfluss zu unterbrechen. Hier macht sich das Fehlen einer Unterbrechung nicht bemerkbar, weil die Schlusshebungen für Lesepausen sorgen.
Eine Hebung am Ende des Gedichts hat die Tendenz zur Abgeschlossenheit beizutragen, einen Schlusspunkt zu setzen. Das hat der erste Text gut demonstriert. Das zweite Beispiel zeigt, dass dies nur eine Tendenz ist, die sich nicht immer auswirkt. Hier kommt sie durch ein Verb „verlöscht“, das einen Vorgang beschreibt, nicht zum Tragen.
ein dicker, alter Mann
im Fernsehflimmerlicht
isst Pommes
xXxXxX
xXxXxX
xXx
In diesem Haiku sorgen die Hebungen am Schluss für Lesepausen, so dass die Schlusszeile mit ihrer Senkung am Ende eine Auflösung der Spannung bewirkt. Diese Spannung resultiert auch aus dem monotonen Stakkato der ersten beiden Zeilen. Die Silben sind kurz, die Hebungen fast gleichwertig. Im Abendstern-Beispiel war das noch anders. Dort wurde die vorletzte Hebung in den ersten beiden Zeilen wesentlich stärker betont als die Schlusshebung. Solche unterschiedlichen Betonungen machen das Erkennen des Metrums schwieriger, aber die Variationen sorgen auch für mehr Lebendigkeit, die „im Fernsehflimmerlicht“ gerade nicht gefragt war.
Die Beachtung des Zusammenspiels von Metrum und Inhalt kann auch eine wesentliche Erleichterung sein, wenn die Reihenfolge der Zeilen offen ist. Typisches Beispiel: Ich habe ein Bild vor Augen, das ich dem Leser präsentiere möchte. In welcher Reihenfolge zeige ich die Bildelemente?
unbewegt
schwarze Äste
im Winternebel
schwarze Äste
unbewegt
im Winternebel
Im Winternebel
schwarze Äste
unbewegt
Das Metrum der letzten Variante:
xXxXx
XxXx
XxX
Bei den ersten beiden Beispiele wird die Spannung aufgelöst, die sich durch die Schlusshebung bei „unbewegt“ aufbaut. Ich möchte in diesem Bild aber keine Spannung auf- und abbauen, sondern seine Leblosigkeit übertragen. Daher stört auch der glatte Übergang von der ersten zur zweiten Zeile. In diesem Sinne wäre meine endgültige Version:
Winternebel
schwarze Äste
unbewegt
Die einzige Unregelmäßigkeit ist herausgeboxt. Form und Bild sind starr mit einer alles abschließenden Schlusshebung.
Man muss jedoch Unregelmäßigkeiten im Metrum nicht beseitigen. Auch das ist wieder eine Frage des Inhalts:
Sternenhimmel
Lichter flackern
auf dem Friedhof
XxXx
XxXx
XxXx
Auch wenn die Hebung bei „auf“ etwas schwach ist, könnte man sagen: Alles richtig gemacht, das Metrum perfekt durchgehalten. In diesem Fall ist perfekt ziemlich leblos und deshalb nicht gut genug:
Sternenhimmel
flackernde Lichter
auf dem Friedhof
XxXx
XxxXx
XxXx
Jetzt flackern die Lichter, denn auch das Metrum flackert leicht. Form und Inhalt passen wieder zusammen.
drei junge Bäume
doch einer
mit welken Blättern
xXxXx
xXx
xXxXx
Metrisch gesehen ist wieder alles in Butter. Jede Zeile enthält den regelmäßigen Wechsel von Senkung zur Hebung, die zweite Zeile hebt sich durch die Verkürzung hervor, und doch:
drei junge Bäume
einer
mit welken Blättern
Ich finde, das ist die bessere Version, auch wenn sie den metrischen Konventionen widerspricht, weil die zweite Zeile nun mit einer Hebung statt einer Senkung beginnt. Doch gerade das hebt die Isolierung des einen Baums hervor.
goldene Mücken
tanzen ihr Leben
im Herbstsonnenlicht
XxxXx
XxxXx
xXxxX
Dies ist noch mal ein anderer Typ der Metrumsvariation. Die ersten beiden Zeilen beginnen mit einer Hebung und enden mit einer Senkung, was den Lesefluss fördert. In der Schlusszeile ist nicht die Hebung am Ende als abschließendes Element entscheidend, sondern die Senkung zu Beginn. Die turnusmäßige Hebung wird verzögert, so dass sie besonders viel Gewicht bekommt. Die fehlende Zäsur wird durch den Hebungshöhepunkt auf „Herbst-“ ersetzt.
Es geht also beim Einsatz des Metrums im Haiku nicht um das makellose Durchhalten eines bestimmten Takttyps, sondern immer darum, durch bewusstes Anwenden die beste Form für den jeweiligen Inhalt zu finden.
Sollten Sie nun Lust bekommen haben, dem Metrum etwas mehr Beachtung zu schenken, bieten sich zur Vertiefung die beiden Artikel Am Anfang war der Takt und Schluss und Sprung: Kadenzen an, die aus meiner Artikelserie zum Schreiben eines traditionellen Gedichts bei www.lyrikmond.de stammen und auch praktische Übungen enthalten. Mit dem Wissen daraus schauen Sie sich Ihre Haiku an. Möglicherweise haben Sie schon Haiku geschrieben, die unbeabsichtigt – einfach weil es gut klang – ein regelmäßiges Metrum nutzten.
Erfahrungsgemäß ist das Erkennen und Anwenden des Metrums zunächst ein Hindernis, später wird es jedoch den Fluss der Ideen fördern. Für den Anfang würde ich mich zunächst auf die Zeilenenden konzentrieren: Ist die letzte Silbe stärker als die vorletzte? Baue ich also eventuell Spannung auf durch ein Hebungsende oder löse ich sie und ist das erwünscht an dieser Stelle?
Damit nähern Sie sich der Arbeitsweise bei modernen Gedichten an, die auf dem Fundament der deutschsprachigen Tradition aufbauen, das Martin Opitz gelegt hat. Dadurch bieten sich Chancen für bessere Haiku, aber einen Nachteil will ich nicht verschweigen. Vielleicht wissen Sie eines Tages nicht mehr, ob Ihr Text noch ein Haiku oder schon ein modernes Gedicht ist:
aus dem Porsche steigt
ein Liedchen pfeift
der alte Herr
mit Glatze